Zurückkommen ist wie Kinderkriegen

fly above the clouds

Wir sind inzwischen seit mehr als einem Jahr zurück in der Schweiz. Wenn ich nur ein einziges Wort wählen dürfte, um das vergangene Jahr zu beschreiben, dann wüsste ich ganz genau welches: ANSTRENGEND.

Also versteht mich nicht falsch. Der Weg nach Amerika war jetzt auch keine Fahrt ins Blaue, aber da gab’s ein Haufen Vorschussmitleid und mir schlug von allen Seiten Ehrfurcht und Respekt vor diesem vermeintlich ungeheuer mutigen Schritt in den Wilden Westen entgegen. Nicht wenige Menschen glauben immer noch, mein Gemahl hätte mich damals dazu genötigt, seiner Karriere hinterher zu reisen und mein beschauliches Leben zwischen glücklichen Schweizer Kühen auf saftigen grünen Wiesen gegen Smog, Gewalt, People of Walmart und Plastikkäse zu tauschen.

Ich kann euch beruhigen. Umgekehrt wird da eher ein Schuh draus. Ich flog nun schon seit einiger Zeit nicht mehr für den Kranich in die Metropolen dieser Welt. Im Gegensatz zum Gatten, dessen Facebook-Feed viel cooler aussah als meiner. Ich erinnerte ihn also an eine voreheliche Abmachung, die wir einst getroffen hatten. Damals einigten wir uns darauf, zu gegebenem Zeitpunkt mal zusammen in ein Land zu gehen, in dem weder er noch ich unsere Milchzähne verloren hatten.

Drei Umzüge und zwei Kinder später, ergab sich endlich die Gelegenheit. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wandern sie immer noch aus. Happily ever after und so. Dabei ist das so ähnlich wie Kinder kriegen, da denkst du vorher auch, nach der Geburt sei das Schlimmste überstanden und dein Leben sieht von nun an aus, wie in der Pampers-Werbung. Mit dem Auswandern verhält sich das ganz ähnlich. Da springst du über Hürden, von denen du vorher nicht mal wusstest, dass es sie gibt.

  • Stapelweise Visaanträge ausgefüllt – check.
  • Den amerikanischen Konsul davon überzeugt, dass wir weder Terroristen oder Irre, noch Seuchenkranke oder Sozialschmarotzer sind – check.
  • Noch vor der Abreise ein Haus in einem guten Schuldistrikt gefunden – double check.
  • Mit den zukünftigen Schuldirektoren der lieben Kleinen schon nach der zweiten E-Mail innige Facebook-Freundschaften aufgebaut – check.
  • Nachmieter gefunden – check.
  • Überflüssigen Kram, der sich in elf Jahren Familienleben angesammelt hatte, verschenkt, verkauft oder entsorgt – check.
  • Zahn- und Kinderarztbesuche erledigt – check.
  • Auslandskrankenversicherung abgeschlossen – check.
  • Abmeldung bei Gemeinde, Schule, Telefongesellschaft, etc. – check
  • Internationale Ausgaben aller relevanten Urkunden besorgt – check.
  • Abschlussfest mit Freunden, Familie, Kollegen organisiert – check.
  • Autos verkauft – check.
  • Hab und Gut termingerecht über den grossen Teich verschifft – check.
  • Trotz nächtlichem Besuch in der Notaufnahme kurz vor der Abreise, pünktlich und vollzählig auf den Flug ins neue Leben geschafft – check, check, check.

Da kann man schon mal auf die Idee kommen, sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen und morgens um zehn den Kaffee gegen Prosecco zu tauschen.

Aber eben, knapp vier Jahre später schlägt einen der Grössenwahn mit den eigenen Waffen. Schwanders sind dermassen gechillt, die quetschen ihren Kram in einen 40-Fuss-Container (Side-note: angereist sind wir mit einem 20-Fuss-Container, in dem locker noch ein paar Fondue-Gabeln mehr Platz gehabt hätten) und campen sechs Wochen in Ann Arbor im Hotel. Der Mietvertrag war nämlich schon vor dem Arbeitsvertrag abgelaufen.

Unmittelbar vor der grossen Rückkehr legten wir noch einen kleinen Umweg über Hawaii und Vancouver Island ein. Beide Destinationen mussten von der Bucket List unbedingt noch schnell in den Instagram-Feed verschoben werden. Wir wussten ja nicht, wann wir das nächste Mal in der Gegend sein würden. „Toller Plan!“, dachten wir und klopften uns zufrieden auf die Schultern. Ob das dann alles so locker flockig lief, wie erhofft, erzähl ich euch im nächsten Beitrag.

Comments · 2

  1. Also, ich bin ja noch nicht zurückgekommen, aber ich finde der Vergleich passt. Man denkt man weiß, was auf einen zukommt und dann ist auf einmal alles anders, dies kann wahlweise auch beim zweiten Kind so sein…

  2. Da geb ich dir Recht. Beim „Einsteiger-Modell“ fragst du dich noch, was die eigentlich alle haben und dann kommt Nr.2 und du bist sehr froh, das niemals laut gesagt zu haben. Been there, done that ;-)…

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