Von verschwundenen Handtüchern und Handwerkern mit speziellen Bedürfnissen

Spätestens jetzt sollte jedem klar sein, dass Schwanders Rückkehr aus dem Woanders wohl eine längere Geschichte ist. Hier fängt sie an. Da geht sie weiter und Teil drei erzähle ich euch sofort.

Das Open House war, nun ja, für die Katz. Ausser Spesen nichts gewesen. Ein Nachbar hat uns dann darüber aufgeklärt, dass so ein Open House nur für das Maklerbüro so richtig lohnenswert ist. Die Leute, die ein Open House besuchen, kommen aus verschiedenen Gründen. Die einen haben an einem sonnigen Samstag einfach nichts Besseres zu tun, fahren in der Gegend rum, sehen die Hinweisschilder und spazieren mal rein – gratis Entertainment mit Freigetränken geht immer! Dann sind da noch die Nachbarn, die schon immer mal wissen wollten, wie’s bei Heinz und Gerda von Gegenüber unterm Sofa aussieht – Wohnvoyeurismus kann ja auch ein Hobby sein. Ein paar Besucher ziehen tatsächlich in Erwägung, in absehbarer Zukunft ein Haus zu kaufen und checken in regelmässigen Abständen den Markt, sind aber nicht konkret an einem Objekt interessiert.

Die Makler hingegen, finden ihre zukünftigen Schäfchen easy peasy ohne das Werbebudget zu strapazieren und viele zeitaufwändige Einzeltermine zu vereinbaren.

„Dick und Doof“ waren allerdings auch nicht unbedingt die hellsten Sterne am Makler-Himmel. Die haben zum Beispiel an einem super sonnigen Tag in jedem einzelnen Zimmer, Bad, Kleiderschrank… das Licht eingeschaltet, weil das nämlich so im Online 1×1 für erfolgreiche Immobilienhaie steht. Der Tipp leuchtet ein, bei schlechten Lichtverhältnissen. Aber wenn ich ein Licht einschalte und der Raum dadurch gar nicht heller wird, dann ist entweder die Birne in der Lampe kaputt oder mir fehlen selbst ein paar Lämpli.

Als nach einer Woche immer noch kein Angebot auf dem Tisch lag, war klar, dass der Besitzer den Preis zu hoch angesetzt hatte. Eine kurze Recherche auf den Immobilienportalen hatte unsere Vermutung dahingehend bestätigt. Auch die Nachbarn waren der Ansicht, der Preis sei zu hoch. Unser Vermieter allerdings konnte den Hals nicht voll genug bekommen und hat noch lange an seinen überhöhten Vorstellungen festgehalten.

Und warum war das jetzt unser Problem? Von nun an, wurde mein Terminkalender von Besichtigungsterminen potentieller Käufer und den Handwerkern, die auf Geheiss des Vermieters noch Scheinverschönerungen durchführen sollten, dominiert. Da das Leben nun mal nicht still steht, konnte ich nicht immer persönlich anwesend sein, während unser Domizil besichtigt oder verschönert wurde. Wenn ich nicht da war, kam eine der Maklerinnen vorbei und hatte ein Auge auf unser Hab und Gut. Deren Vorstellungen vom Schutz unserer Privatsphäre deckten sich allerdings nicht unbedingt mit unseren.

Eines Tages hatte unser Vermieter die glorreiche Idee, einen Handwerker kommen zu lassen, der die Teppiche im oberen Stock nachspannen sollte, damit Wellen, die mit der Zeit entstanden sind, nicht so auffallen würden. Abgesehen davon, dass ich das eine völlig überflüssige Aktion fand, da wahrscheinlich niemand ein Haus kaufen und dann die Auslegware des Vorgängers drin lassen wird, hatte ich während des Vormittags andere Termine ausser Haus. Die Maklerin kam also zum „Handwerkersitting“ vorbei und hatte gleichzeitig noch eine Besichtigung vereinbart. Ich hatte das Haus selbstverständlich in makellosem Zustand hinterlassen.

Deswegen fiel mir nach meiner Rückkehr am Nachmittag auch sofort auf, dass im Bad der Kinder irgendetwas fehlte – alle Hand- und Badetücher waren weg. Ich konnte mir das nicht erklären, weil ich nämlich am Morgen noch eigenhändig frische Handtücher aufgehängt hatte. Nachdem ich kurz an meinem Verstand gezweifelt und „Alzheimer mit 40“ gegoogelt hatte, machte ich mich auf die Suche nach der Frotteeware und fand selbige nass in der Waschmaschine. Die Temperaturanzeige stand auf „cold“. Da ich Handtücher niemals kalt waschen würde, war mir sehr schnell klar, dass da jemand anders am Werk gewesen sein musste. Nur das Warum war mir nicht klar. Aus welchem Grund wäscht jemand in einem fremden Haus Handtücher? Um die Funktionsfähigkeit der Waschmaschine zu testen? Um Spuren eines Verbrechens zu beseitigen? Jede gute Hausfrau weiss, dass Blutspuren nur mit kaltem Wasser rausgehen… Es lief mir kalt den Rücken runter.

Ein Anruf im Maklerbüro brachte Licht ins Dunkel. Die Kollegin, die vor Ort gewesen war, ging vorsorglich nicht ans Telefon. Ihre Geschäftspartnerin übernahm dann den Part, mir schonend beizubringen, was sich in meiner Abwesenheit zugetragen hatte. Der Teppich spannende Handwerker hatte wohl während seiner Arbeit ein dringendes Bedürfnis, welches er aus mir unbekannten Gründen nicht in unserem Gäste-WC verrichten wollte. Es entzieht sich meiner Kenntnis, was genau der gute Mann in unserem Bad gemacht hat. Das Ergebnis war jedenfalls ein verstopftes WC, dessen Inhalt sich auf den Boden ergoss. Die Maklerin hatte das kurz vor dem angekündigten Besichtigungsbesuch bemerkt und in ihrer Not die Handtücher benutzt, um die Sauerei zu beseitigen. Der Handwerker war zu dem Zeitpunkt wohl schon über alle Berge.

Dass sie meinen Putzschrank in der Hektik nicht ausfindig machen konnte, ist verzeihlich. Aber warum, um alles in der Welt, wäscht sie die verdreckten Handtücher kalt? Und warum hat sie nichts gesagt? Ich war die ganze Zeit über auf allen Kanälen erreichbar – es kam kein Anruf, keine Nachricht, keine Email, kein Zettel auf dem Küchentisch und Rauchzeichen hatte ich auch nicht bemerkt.

Nach einem 2-stündigen Desinfektionsmarathon war ich an einem Punkt, an dem auch alle Yogastunden dieser Welt mich nicht davor bewahren konnten, Maklerin und Vermieter mit meiner ungefilterten, nicht besonders diplomatisch austarierten Meinung zu beglücken. Unsere Nachbarn hatten auch was davon. Aber auch das war mir inzwischen herzlich egal.

The Point of No Return war erreicht und das hat dann auch der Vermieter gecheckt. Er hat den Verkauf des Hauses aufgegeben und einen Nachmieter gesucht. Miethäuser in unserem Schuldistrikt waren Mangelware. Innerhalb von drei Tagen hatten die neuen Mieter den Vertrag unterzeichnet und wir konnten uns endlich unserer eigentlichen Aufgabe widmen – dem bevorstehenden transatlantischen Umzug.

Wie kommen wir nun raus aus dem Haus?

Wo war ich neulich stehengeblieben? Ach ja, der Umzug. Im Mai lief unser Mietvertrag aus. Wir mussten also nur acht Wochen vorher kündigen – fertig. Ist ja alles easy in Amerika. Manchmal. Machmal auch nicht.

Wir hatten Glück mit unserem Haus. Im Gegensatz zu vielen anderen Expats in der Gegend, mussten wir nicht nach ein oder zwei Jahren wieder ausziehen, weil das Haus verkauft wurde oder die Vermieter aus dem Ausland zurückkamen. Miethäuser sind hier Mangelware. Der Amerikaner kauft, wenn der Kreditrahmen es hergibt. Und wenn nicht, dann ist das schon mal sehr verdächtig.

Während des Look and See Trips wurde uns schnell klar, dass die grösste Schwierigkeit unseres ganzen Projektes, das Finden einer Behausung innerhalb eines guten Schuldistriktes sein würde. Durch eine glückliche Fügung hatten wir beim täglichen Durchforsten der einschlägigen Immo-Webseiten ein Haus gefunden – genau fünf Minuten entfernt von Philipps Büro, innerhalb eines Schuldistriktes, der ganz oben auf unserer Liste stand. Kaum gesehen, war das Angebot auch schon wieder verschwunden. Wie von Geisterhand. Wir kontaktierten trotzdem Tom, unseren Makler. Er versprach, der Sache auf den Grund zu gehen. Zwei Tage später wussten wir, dass besagtes Haus nun nicht mehr zur Miete, sondern zum Verkauf stand. Dumm gelaufen.

Da Aufgeben jedoch keine Option und weit und breit kein anderes Objekt in Sicht war, mussten wir andere Geschütze auffahren. Was so viel bedeutete wie: Mein Gatte verpackt sein Verhandlungsgeschick mit einer Portion Schweizer Charme und überzeugt die Hausbesitzer davon, dass es nichts Besseres gibt, als seiner lovely Family aus dem Heidiland für einige Jahre Unterschlupf zu gewähren. Zwei Telefonate später, sass meine bessere Hälfte, mit einem Familienfoto bewaffnet, im Flieger auf dem Weg nach Michigan.

Die wussten wahrscheinlich auch nicht, wie ihnen geschah. Am folgenden Tag war Philipp, samt Vertrag, bereits wieder auf dem Weg in die Schweiz – Mission accomplished. Die Hausbesitzer hatten uns sogar vertraglich zugesichert, zu warten bis unsere noch immer hängigen Visaanträge bestätigt sein würden.

Wenn die gewusst hätten, mit was für Wohnkomfort-Optimierern sie es zu tun hatten, hätte sich mein Mann die Charme Offensive sowieso sparen können. Während unseres Aufenthaltes haben wir, ganz nebenbei, drei Bäder und zwei Zimmer komplett renoviert und zum Leidwesen unserer botanisch eher wenig motivierten Kinder, in mehreren familiären Grosseinsätzen den völlig verwilderten Garten in vorzeigbaren Zustand gebracht.

Wir hatten unsere Vermieter schon vier Monate vor dem geplanten Auszug davon in Kenntnis gesetzt, dass wir den Vertrag nicht verlängern würden – ein schwerer Fehler, wie sich bald herausstellen sollte.

Das Haus sollte nach unserer Kündigung verkauft werden. Der Zeitpunkt war perfekt. Unmittelbar nach unserem Auszug war Moving Season in Michigan. Die Preise hatten schwindelerregenden Höhen erreicht. Es sollte also kein Problem sein, die Hütte an den Mann zu bringen.

An einem eisigen Wintermorgen standen „Dick und Doof“ in weiblich vor der Tür – die Makler. Sie wollten sich schnell ein Bild darüber machen, welche Leichen es in welchem Keller zu verstecken galt. Wir liessen sie gewähren. Bereits fünf Minuten später küssten sie den Boden unter unseren Füssen. Sie hatten das Haus zuletzt bei der Unterzeichnung unseres Mietvertrages gesehen. Damals zierten violett-güldene Tapeten mit barockem Bollywood Charme die Badezimmer. Passend dazu ist jeder Einfall natürlichen Lichtes durch schwere Brokatvorhänge in Wohnzimmer und Küche zuverlässig blockiert gewesen. Sowas wäre selbst in Amerika, wo man ja gerne mal semi-antik und dunkelholzlastig wohnt, schwer zu vermitteln gewesen. „Dick und Doof“ hatten plötzlich Dollarzeichen in den Pupillen und bauten in Gedanken mit dem zu erwartenden Verkaufsgewinn schon neue Pools in ihre suburbanen Gärten.

Jetzt musste nur noch das passende Datum für ein „Open House“ gefunden werden und wir würden uns wieder den wirklich wichtigen Dingen widmen können. Nämlich der Organisation unseres transatlantischen Umzugs.

„Open House“ könnt ihr euch in etwa so vorstellen: Eine Horde wildfremder Leute rennt durch deine Behausung und bekommt ganz nebenbei einen Überblick über dein aktuelles Unterwäschesortiment und die Auswahl an schlüpfriger Literatur in deinem Nachttisch. Schon allein die Vorstellung davon sorgte bei mir für nervöse Zuckungen. Ganz im Gegensatz zum Gatten. Der ist da grundsätzlich tiefenentspannt. Ihm könnte es egaler nicht sein, wer in seiner Sockenschublade wühlt. Die Kinder waren auch keine grosse Hilfe, da die schon immer überzeugte Verfechter von #mehrrealitätimkinderzimmer waren.

Ich stand also allein auf weiter Flur und machte mich ans Werk. Nachdem das Haus einmal von oben bis unten aufgeräumt und geputzt, alle Schränke konMaried, Keller und Garage ausgemistet waren, verstauten wir Wertgegenstände und Medikamente im Auto. Das dynamische Makler-Duo legte uns zuvor eindringlich ans Herz, nichts von beidem im Haus zu belassen. Das beruhigte mich jetzt irgendwie so gar nicht.

An einem frühlingshaften Samstagmorgen räumten wir das Feld und überliessen unser Heim einer beachtlichen Meute potentieller Käufer.

Fünf Stunden später, waren an die dreissig Familien und Paare durch unsere Gemächer gewandelt. Irgendjemand würde ein Angebot unterbreiten und die Sache war erledigt, …dachte ich. Wahrscheinlich ahnt ihr inzwischen, dass es so einfach dann doch nicht war. Fortsetzung folgt…

Zurückkommen ist wie Kinderkriegen

Wir sind inzwischen seit mehr als einem Jahr zurück in der Schweiz. Wenn ich nur ein einziges Wort wählen dürfte, um das vergangene Jahr zu beschreiben, dann wüsste ich ganz genau welches: ANSTRENGEND.

Also versteht mich nicht falsch. Der Weg nach Amerika war jetzt auch keine Fahrt ins Blaue, aber da gab’s ein Haufen Vorschussmitleid und mir schlug von allen Seiten Ehrfurcht und Respekt vor diesem vermeintlich ungeheuer mutigen Schritt in den Wilden Westen entgegen. Nicht wenige Menschen glauben immer noch, mein Gemahl hätte mich damals dazu genötigt, seiner Karriere hinterher zu reisen und mein beschauliches Leben zwischen glücklichen Schweizer Kühen auf saftigen grünen Wiesen gegen Smog, Gewalt, People of Walmart und Plastikkäse zu tauschen.

Ich kann euch beruhigen. Umgekehrt wird da eher ein Schuh draus. Ich flog nun schon seit einiger Zeit nicht mehr für den Kranich in die Metropolen dieser Welt. Im Gegensatz zum Gatten, dessen Facebook-Feed viel cooler aussah als meiner. Ich erinnerte ihn also an eine voreheliche Abmachung, die wir einst getroffen hatten. Damals einigten wir uns darauf, zu gegebenem Zeitpunkt mal zusammen in ein Land zu gehen, in dem weder er noch ich unsere Milchzähne verloren hatten.

Drei Umzüge und zwei Kinder später, ergab sich endlich die Gelegenheit. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wandern sie immer noch aus. Happily ever after und so. Dabei ist das so ähnlich wie Kinder kriegen, da denkst du vorher auch, nach der Geburt sei das Schlimmste überstanden und dein Leben sieht von nun an aus, wie in der Pampers-Werbung. Mit dem Auswandern verhält sich das ganz ähnlich. Da springst du über Hürden, von denen du vorher nicht mal wusstest, dass es sie gibt.

  • Stapelweise Visaanträge ausgefüllt – check.
  • Den amerikanischen Konsul davon überzeugt, dass wir weder Terroristen oder Irre, noch Seuchenkranke oder Sozialschmarotzer sind – check.
  • Noch vor der Abreise ein Haus in einem guten Schuldistrikt gefunden – double check.
  • Mit den zukünftigen Schuldirektoren der lieben Kleinen schon nach der zweiten E-Mail innige Facebook-Freundschaften aufgebaut – check.
  • Nachmieter gefunden – check.
  • Überflüssigen Kram, der sich in elf Jahren Familienleben angesammelt hatte, verschenkt, verkauft oder entsorgt – check.
  • Zahn- und Kinderarztbesuche erledigt – check.
  • Auslandskrankenversicherung abgeschlossen – check.
  • Abmeldung bei Gemeinde, Schule, Telefongesellschaft, etc. – check
  • Internationale Ausgaben aller relevanten Urkunden besorgt – check.
  • Abschlussfest mit Freunden, Familie, Kollegen organisiert – check.
  • Autos verkauft – check.
  • Hab und Gut termingerecht über den grossen Teich verschifft – check.
  • Trotz nächtlichem Besuch in der Notaufnahme kurz vor der Abreise, pünktlich und vollzählig auf den Flug ins neue Leben geschafft – check, check, check.

Da kann man schon mal auf die Idee kommen, sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen und morgens um zehn den Kaffee gegen Prosecco zu tauschen.

Aber eben, knapp vier Jahre später schlägt einen der Grössenwahn mit den eigenen Waffen. Schwanders sind dermassen gechillt, die quetschen ihren Kram in einen 40-Fuss-Container (Side-note: angereist sind wir mit einem 20-Fuss-Container, in dem locker noch ein paar Fondue-Gabeln mehr Platz gehabt hätten) und campen sechs Wochen in Ann Arbor im Hotel. Der Mietvertrag war nämlich schon vor dem Arbeitsvertrag abgelaufen.

Unmittelbar vor der grossen Rückkehr legten wir noch einen kleinen Umweg über Hawaii und Vancouver Island ein. Beide Destinationen mussten von der Bucket List unbedingt noch schnell in den Instagram-Feed verschoben werden. Wir wussten ja nicht, wann wir das nächste Mal in der Gegend sein würden. „Toller Plan!“, dachten wir und klopften uns zufrieden auf die Schultern. Ob das dann alles so locker flockig lief, wie erhofft, erzähl ich euch im nächsten Beitrag.