Indian Summer oder wo hat Herr Trump seine Wähler versteckt

Herbstfarben

Es ist wieder viel Zeit vergangen, seit dem letzten Post. Ich habe euch nicht vergessen, muss aber zugeben, dass ich mich während der Outdoor Saison einfach nicht so gern im Internet aufhalte.

Man könnte jetzt sagen: „He, he, es ist bereits November und die Outdoor Saison ist längst vorbei!“ Nicht so in Michigan – wir haben hier seit Mai nahezu perfektes Wetter. Gestern Abend sass ich noch bei 22°C auf der Terrasse und habe die fantastischen Farben der Laubbäume hinter unserem Haus bewundert. Der Herbst in Michigan ist meine Lieblingsjahreszeit, der Himmel ist gewöhnlich blau mit einigen vereinzelten Schäfchenwolken, es weht ein laues Lüftchen und die Landschaft ist in intensive Orange- und Rottöne getaucht, die auch den besten Instagramfilter blass aussehen lassen. Die Tiere, die die Sommerhitze gemieden haben, kommen nun wieder öfter zum Vorschein und man sieht überall Eichhörnchen, Hasen und Chipmunks auf der Suche nach Wintervorräten durch die Felder springen. Die Farmbetriebe in der Gegend verkaufen Kürbisse zum selber ernten und in den traditionsreichen Cider Mills kann man frisch gepressten Apfelmost, Zimt-Donuts und allerlei Apfel- und Kürbisprodukte kaufen. Der Indian Summer in Michigan ist so fotogen als käme er geradewegs aus der Feder eines Disneyanimateurs…

Kanu Tour
Kanu Tour
Kürbis Farm
Kürbis Farm
...noch mehr Kürbisse
…noch mehr Kürbisse
Cider und Donuts
Abendhimmel
Abendhimmel
Chiara mit ihren Cross Country Girls
Herbstfarben
Herbstfarben

Ihr seht – keine Zeit zum Bloggen :-)…

Ich habe allerdings einen Artikel für die „Dorfnachrichten“ Safnern geschrieben, den ihr hier auf Seite 14/15 nachlesen könnt. Darin beschreibe ich ein wenig die Eindrücke und Erfahrungen, die wir in unserem ersten Jahr in der neuen Welt gemacht haben.

Halloween in Greenfield Village
Halloween in Greenfield Village

Halloween, der erste Feiertag der langen Holiday Saison ist bereits vorbei und normalerweise würde sich jetzt alles um Thanksgiving drehen, wenn es da nicht noch eine klitzekleine Sache zu entscheiden gäbe – wer soll dieses Land für die nächsten vier Jahre regieren? Wahlkampf in Amerika war ja schon immer etwas unterhaltsamer als wir uns das in Mitteleuropa so gewohnt sind, aber die Szenen, die sich während dieses Wahlkampfes abgespielt haben, waren selbst für Amerikaner schwer zu ertragen. Ich darf sagen, ich kenne keinen einzigen Trump-Wähler persönlich und habe mich bis vor ein paar Wochen gefragt, wo die eigentlich alle sein sollen. Weder an den Schulen der Kids, im Fussball-Club, im Supermarkt, in den Einkaufsstrassen oder in meinem Facebook Feed – nirgends bin ich jemandem begegnet, der diese unsägliche Person öffentlich unterstützt hätte und dabei sieht man in den Medien doch immer Bilder von lauten, auffälligen Typen, mit roten Basecaps und überdimensionierten Wahlplakaten. Wo also verstecken die sich alle?

Nun ja, als ich vor ein paar Wochen in ein Quartier ausserhalb der Stadt, der Universität und unserem üblichen Dunstkreis unterwegs war, da sah ich sie plötzlich: die Schilderwälder in den Vorgärten, die dazu aufriefen Trump und Pence zu wählen und Amerika endlich wieder in altem Glanz und Grösse erstrahlen zu lassen. Je verfallener die Häuser wirkten, desto grösser waren die Schilder davor. Perplex und ungläubig fuhr ich durch die Strassen und kam mir vor, wie auf einem anderen Planeten. Ich brachte es noch nicht mal fertig, ein Foto zu machen. Wahrscheinlich hat mich die unterschwellige Angst vor den Waffen, die sich ziemlich sicher in den Häusern der Leute befanden, davon abgehalten, ungefragt Bilder fremder Vorgärten zu machen.

Amerika ist das Land der Widersprüche, hier gibt es unvorstellbaren Wohlstand neben grenzenloser Armut. Eltern lassen ihre Kinder nicht allein auf dem Spielplatz spielen, haben aber ein Haus voller Waffen, durch welche regelmässig 2-Jährige zu Tode kommen. Man verschuldet sich lieber bis unters Dach, um die Collegeausbildung der eigenen Kinder zu zahlen, stellt sich aber vehement gegen staatliche Ausbildungsförderung, weil das ja bedeuten würde, die eigenen Steuern würden auch der Ausbildung der Nachbarskinder zu Gute kommen. Hauptsächlich weisse Amerikaner am Rande der Gesellschaft fühlen sich von Donald Trump verstanden und erhört. Ausgerechnet von ihm, einem von Kindesbeinen an privilegierten Millionenerbe. Diese Logik würde ausserhalb der USA wohl in keinem Land der Welt funktionieren. Dieser und dieser  Artikel versuchen uns Europäern das Phänomen Trump aus amerikanischer Sicht zu erklären.

Lasst uns alle hoffen, dass sich die Welt auch nach dem 8. November, möglichst ohne Herrn Trump an der Spitze des mächtigsten Staates der westlichen Welt weiter dreht…

Comments · 4

  1. Liebe Jana
    Ich habe sehnlichst auf eine neue Info gewartet!
    Super!! Wie immer in einer sehr interessanten und spannenden Fassung. Vielen Dank für Deinen „Super-Bitrag“!
    Mit ganz lieben Grüssen
    Dad Jürg

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