Über die Halloweenisierung des Abendlandes….

Der Herbst in Michigan ist golden und bisweilen noch ziemlich warm. Wir haben hier auch Anfang November noch Tage, an denen die 20°C – Marke deutlich überschritten wird. Es ist überwiegend sonnig und, was mich nach so vielen Jahren im Seeland besonders freut, nebelfrei! Die Gegebenheiten verpflichten einen quasi dazu, die Wochenenden outdoor zu verbringen. Zum einen, weil Matteo’s Fussballmannschaft jeden Samstag ein Spiel und Chiara zahlreiche Cross Country Läufe zu absolviert hat und zum anderen, weil der berühmt berüchtigte Michigan Winter vor der Tür steht, dessen Temperaturen dann eher nach Indoor Aktivitäten rufen.

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Wir waren unter anderem Kanu fahren, in einer Cider Mill und auf einer Farm, die neben Tieren und Kürbissen auch ein Labyrinth im Maisfeld zu bieten hatte.

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Dort haben wir dann auch gleich unsere Kürbisse für Halloween gekauft und später geschnitzt.

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Apropos Halloween –  in den letzten Tagen waren die sozialen Medien voll von Texten offensichtlich sehr besorgter Menschen, die uns eindringlich vor den Gefahren, dieses der europäischen Kultur angeblich völlig fremden Feiertages warnen sollten, z.Bsp. hier und hier .

Meine Gedanken dazu: Halloween hat seinen Ursprung in Irland und Irland ist ja bekanntlich nicht ganz so weit weg von Mitteleuropa ;-). Halloween ist der Abend vor Allerheiligen (All Hallows‘ Day/All Saints Day). Das Fest hat christlische und keltisch/gäelischen Wurzeln. Die Kelten lebten vor 2000 Jahren in den Gebieten des heutigen Irland, in England und Nordfrankreich. Sie hielten am 1. November ihre Neujahrsfeiern (Samhain Festival) ab. Dieser Tag sollte das Ende des Sommers und der Ernte und den Beginn der dunklen Jahreszeit markieren. Die dunkle, kalte Zeit des Jahres wurde oft mit dem Tod assoziert. Die Kelten glaubten, in der Nacht vor Neujahr wäre die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Toten besonders durchlässig. Es wurden überall Feuer angezündet um die sich die Menschen versammelten und unter anderem Tiere opferten, um sich den Segen ihrer Gottheiten zu erbitten. Dabei trugen die Kelten Kostüme, die typischerweise aus Tierköpfen und -häuten bestanden. Die Druiden weissagten dann über die Geschicke des kommenden Jahres.

Im Jahre 43 vor Christus war die Mehrheit der keltischen Gebiete unter römischer Herrschaft. In den folgenden 400 Jahren mischte sich der keltische Brauch des Samhain Festes mit dem römischen Feralia, einem Festtag im späten Oktober, an dem die Römer traditionell ihrer Toten gedachten und dem Tag zu Ehren von Pomona, der römischen Göttin der Früchte und Bäume.

Ab dem 7. Jahrhundert nach Christi feierte die katholische Kirche am 1. November den Märtyrer Tag, der im 8. Jahrhundert in einen Märtyrer- und Heiligen Tag umgewandelt wurde. Im Laufe des 9. Jahrhunderts begann der christlichen Einfluss in den keltischen Gebieten zu dominieren, was dazu führte, dass keltische und christliche Bräuche miteinander verschmolzen. Im Jahre 1000 nach Christi führte die katholischen Kirche dann“Allerseelen“, einen Tag zu Ehren der Toten, am 2. November ein, wahrscheinlich um das keltische Fest zu verdrängen. Allerseelen wurde ähnlich begangen, wie Samhain. Mit grossen Feuern, Paraden und der Kostümierung als Heilige, Engel und Teufel. Die Nacht davor nannte man All-hallows Eve und später Halloween.

Etwa vom 16. Jahrhundert an wurde es Brauch, dass verkleidete Männer mit einer Schar Kinder und Jugendlicher von Haus zu Haus zogen, Verse aufsagten, Lieder sangen und um kleine Gaben baten. Die Haushalten die etwas zu essen spendeten, konnten Glück und Wohlstand erwarten. Die Kostüme sollte dabei vor allem vor bösen Geistern schützen.

Im 19. Jahrhundert war es hauptsächlich in Irland üblich in der Nacht von Halloween groteske Gesichter in Rüben zu schnitzen und diese dann erleuchtet vor die Häuser zu plazieren, um vor bösen Geistern geschützt zu sein. Den Weg nach Amerika fand Halloween dann durch irische Einwanderer. Da es in Amerika kaum Rüben, aber Kürbisse in Hülle und Fülle gab, schnitzte man fortan gruselige Gesichter in Kürbisse, auch „Jack-o-laterns“ genannt. Die Kostüme sind übrigens mittlerweile kaum noch gruselig. In unserer Neighborhood haben wir eher niedliche Hexen, Piraten, Harry Potters, jede Menge Elsas ect. gesehen.

Bleibt noch zu erwähnen, dass man auch in vielen anderen Teilen der christlichen Welt schon seit Jahrhunderten den Toten und ihrer Seelen gedenkt. In Mexico z.Bsp. wird an Allerheiligen der „Día de Muertos“ begangen. Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass das für den durchschnittlichen Mitteleuropäer noch um einiges verstörender wirken muss, als ein paar verkleidete Kinder auf Süssigkeitenfang. Die Mexikaner kochen schon Tage vorher die Lieblingsspeisen verstorbener Familienmitglieder, die dann am 1. und 2. November auf deren Gräbern als Geschenke dargebracht werden. Je nach Region malen sich die Menschen totenkopfähnliche Masken auf die Gesichter oder halten sogar Familienpicnics direkt auf dem Friedhof ab.

Bitte entschuldigt den langen Text. Ich ziehe meinen Hut, vor all jenen, die bis hierhin durchgehalten haben :-). Es war mir ein Bedürfnis, für etwas geistige Erhellung zu sorgen, bevor die Angst vor der „Halloweenisierung des Abendlandes“ Überhand nimmt. Ein Minimum an Information kann oftmals schon zu mehr Toleranz beitragen. Angst und Ablehnung sinken proportional mit Wissen. Das gilt selbstverständlich nicht nur für Halloween :-)…

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Comments · 2

  1. Super Jana!
    Einmal mehr ein Super-Beitrag! Sehr lehrreich mit wunderschönen Fotos. Nun bin ich informiert über Halloween! Danke. Mach weiter so!
    Dad Jürg

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