Earth Day oder Umweltschutz auf amerikanisch…

earthAm 22. April war „Earth Day“. Dieser Tag wurde 1970 von Senator Gaylord Nelson begründet, der angesichts der Schäden, die durch eine Ölpest 1969 in Santa Barbara entstanden, die Notwendigkeit sah, die Bevölkerung über die Umwelt und ihren Schutz zu informieren. Die Earth Day -Bewegung wuchs über die Jahre und seit 1995 steht dieser Tag weltweit im Zeichen des Umweltschutzes.

Ich behaupte jetzt mal, der „Earth Day“ hat in Europa eine weitaus geringere Bedeutung als in den USA. Hier ist er jedenfalls allgegenwärtig, zumindest bei allen Eltern, deren Kinder in öffentlichen Schulen unterrichtet werden. Jede Bildungseinrichtung, die etwas auf sich hält, plant an diesem Tag zahlreiche Aktivitäten, um ihrem Engagement für den Umweltschutz Ausdruck zu verleihen. Da werden Parkanlagen gereinigt, Bäume gepflanzt und recycled was das Zeug hält. Nun, das mag einem jetzt vorbildlich erscheinen – angesichts des gelebten Umgangs mit der Umwelt in der grössten Industrienation der Welt, ist das leider nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Hier geht es nicht darum, Wasser oder Strom zu sparen oder eventuell das Auto gegen den Drahtesel zu tauschen. Nein, das Thema in diesem Jahr sind parkende Autos mit laufenden Motoren! Es gibt eine Unsitte in diesem Land, die im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel stinkt. Ganz normale Menschen, Mütter, Väter, Grosseltern, denen man durchaus vernüftiges Handeln zutrauen würde, lassen die Motoren ihrer, nicht selten überdimensionierten, Fahrzeuge minutenlang laufen, während sie beispielsweise vor der Schule auf ihre Kinder warten. Dieses Verhalten  muss man nicht nur im Winter bei Minusgraden oder im Hochsommer während unerträglicher Hitzewellen beobachten, sondern auch jetzt, wenn sich die Aussentemperaturen zwischen für den Homo sapiens durchaus zumutbaren 10 und 25°C bewegen. In ländlicheren Gefilden scheint es sogar durchaus üblich zu sein, zum Mittagessen in ein Restaurant zu gehen und dabei den Motor laufen lassen, um nach beendetem Gaumenschmauss in ein angenehm klimatisiertes Auto zu steigen. Und, nein, dass ist leider kein Witz! Viele Autos lassen sich hier mittels Schlüsselfernbedienung nicht nur öffnen, sondern auch gleich starten. Was wohl für die meisten Europäer nicht nachvollziehbar ist, ist in Amerika offensichtlich gesellschaftsfähig.

Die Mittelschüler unseres Schuldistrictes haben es sich in diesem Jahr zur Aufgabe gemacht, auf den Schulparkplätzen zum Ausschalten der Motoren aufzufordern, einen Tag nach dem „Earth Day“ bemerkte ich allerdings nicht wirklich weniger Abgassünder vor der Schule. Das Schlimme ist, die betreffenden Personen wollen gar nicht bewusst schaden – sie wissen es offensichtlich nicht besser.

Das Abgasproblem ist das augenscheinlichste, es gibt aber noch andere Beispiele, die Amerika in Punkto Umweltschutz ganz klar einen Platz unter den Entwicklungsländern zuweisen. Wenn man eine der grossen Supermarktketten besucht, fällt einem als Europäer der schier unglaubliche Gebrauch von Plastik auf. Es wird alles doppelt und dreifach verpackt und an der Kasse schichtet der Kassierer die erworbenen Produkte dann sehr sorgfältig in, selbstverständlich gratis erhältliche, Plastiktüten. Diesen Vorgang kann man nur stoppen, in dem man schon vor dem Einscannen des ersten Konsumgutes klar erkennbar mit wiederverwendbaren Einkaufstaschen wedelt – das beschert einem dann allerdings unfreiwillig den Ruf des elitären, besser verdienenden Hipster-Ökos. Löbliche Ausnahmen dieser Verpackungsgewohnheit bietet zum Beispiel Wholefoods – ein Biomarkt, in dem man von australischem Agavensaft bis zur Zahnpasta alles in Bioqualität kaufen kann, dafür allerdings kräftig zur Kasse gebeten wird. Das dortige Klientel ist überwiegend im oberen Segment der Foodchain angesiedelt und fährt gewöhnlich Prius. Bei Trader Joe’s findet man eine gut sortierte Auswahl alternativer Lebensmittel, oft in Bioqualität und ein, für amerikanische Verhältnisse, exzellentes Brotangebot. Diese Kette ist vor allem unter Foodies und gut ausgebildeten jungen Müttern beliebt. Beide Märkte bieten ihren Kunden Papier-, statt Plastiktüten an und die dortigen Kassierer versetzt auch der Anblick wiederverwendbarer Shoppingbags nicht in Schockstarre. Den Spitzenplatz bei der Verpackungsmüllvermeidung erhält allerdings ganz klar ALDI. Bei Aldi gibt es weder Plastik-, noch Papiertüten. Der Kunde hat hier stattdessen die Möglichkeit, für 2$ wiederverwendbare Stofftaschen aus Ökobaumwolle zu erwerben oder seine eigenen mitzubringen. Das nenn ich konsequent!

Übrigens, wenn nicht gerade „Earth Day“ ist, tragen die Bildungseinrichtungen dieses Landes auch nicht unbedingt zur Müllvermeidung bei. Da flattern Briefe ins Haus, die uns Eltern dazu auffordern, den Schülern doch bitte an Tag X und Tag Y, wenn ein Ausflug in den Zoo oder ins Museum ansteht, nur entsorgungsfähige Lunchbehälter mitzugeben, da man sich nicht im Stande sieht, leere Boxen wieder zurück zu transportieren. Muss ich das jetzt verstehen??

Zusammenfassend muss ich leider sagen, Amerika hat noch einen weiten Weg vor sich, um das Umweltbewusstsein seiner Bewohner auch nur annähernd auf den Stand vergleichbarer Industrienationen zu bringen. Das ist leider sehr beängstigend und stimmt mich gerade betroffen und irgendwie auch ratlos…

Comments · 2

  1. Hey Ihr 4! Endlich habe ich mal daran gedacht, Euch auch noch im Medium zu mögen… Nun werden wir auch mitlesen… Spannender Artikel, Jana, danke für den Einblick!

    Wir hoffen sehr, dass es Euch gut geht und Ihr Euch gut eingelebt habt und sicher auch noch werdet, dass es Euch und den Kindern gut geht – wie ist Chiara in der Schule angekommen (und natürlich auch Matteo)? Hier alles geng wie geng, ein schöner Frühling dieses Jahr, alle gesund, die Karre war auch schon in Betrieb – tutti bene also.

    Wir grüssen Euch herzlich, Susanne und le reste

    1. Hey Susanne! Dein Kommentar ist ja schon ewig her – sorry, dass ich erst jetzt antworte! Liegt daran, dass ich etwa 5 Susannes kenne, die sich genau gleich schreiben und mir, ehrlich gesagt, nicht ganz klar war, wer da eigentlich geschrieben hat – hätte irgendwie auf 4 von 5 passen können :-). Hab dann leider vergessen näher nachzuforschen. Jedenfalls bin ich jetzt zufällig über deine email Adresse gestolpert und wollte dich nur wissen lassen, dass dein Kommentar mich auch nach so langer Zeit noch riesig freut, vor allem, weil man hier schnell mal das Gefühl hat, für die unendlichen Weiten des Internets zu schreiben, ohne eine Ahnung zu haben, wer das dann eigentlich liest.

      Liebe Grüsse an euch alle und vielleicht auf ein Wiedersehen im Sommer in der CH?!
      Jana & Co.

Lasst uns wissen, was ihr denkt!

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .

%d Bloggern gefällt das: