Der Tag an dem D. Trump Präsident der Vereinigten Staaten wurde

photo credit: Gage Skidmore

Wenn ich euch sagen würde, ich habe das nicht erwartet, dann wäre das die Untertreibung des Jahrhunderts.

Ich lebe seit mehr als 19 Monaten in Amerika und kann euch trotzdem nicht erklären, wie es dazu kommen konnte, dass Donald Trump im Januar 2017 der mächtigste Mann der Welt sein wird.

Noch unglaublicher ist allerdings, dass nicht nur ich das nicht habe kommen sehen, niemand hatte mit diesem Ergebnis gerechnet – nicht in Amerika, nirgendwo auf der Welt.

Die Umfragen lagen meilenweit daneben, die Journalisten der grossen Zeitungen hatten ihre Artikel zum historischen Wahlsieg von Hillary Clinton, der ersten Frau, die als Präsidentin ins Weisse Haus einziehen wird, bereits in der Schublade.

Als Trump sich zur Wahl gestellt hat, waren wir ungläubig, aber doch irgendwie amüsiert. Als er dann tatsächlich das Mandat der Republikaner erhielt, haben wir dieser Partei den Verlust des gesunden Menschenverstandes und ein tiefgründiges innerparteiliches Problem attestiert. Im Zuge des Wahlkampfes, währenddessen wir uns Trumps haltlose Lügen, Beleidigungen und Respektlosigkeiten gegenüber Minderheiten, Andersgläubigen, Immigranten, Behinderten und Frauen anhören mussten, war uns klar: Der Kandidat demontiert sich selbst und ist absolut nicht wählbar.

Ich persönlich war mir zu 100% sicher, spätestens nach Bekanntwerden des Videos mit den zutiefst respektlosen und Menschen verachtenden Äusserungen gegenüber Frauen, ist seine Kampagne am Ende. Es geht mir nicht in den Kopf, wie auch nur eine Frau auf diesem Planeten, mit dem kleinsten Funken Selbstachtung, diesem Mann ihre Stimme geben und dann noch in den Spiegel schauen kann.

Ich verstehe das einfach nicht.

…Und dann kam Chiara aus der Schule und erzählte mir von ihrer Englischlehrerin. Das ist eine nette, sympathische Frau, Anfang 50, die Tochter italienischer Einwanderer, die mit einem erfolgreichen Geschäftsmann verheiratet ist und eigentlich nur zum Spass arbeitet, aber unglaublich engagiert ist. Diese Frau hat ihre Stimme Donald Trump gegeben, weil sie nach eigener Aussage, immer republikanisch wählt und Hillary Clinton für eine Lügnerin hält. Sie sei zwar kein Fan von Mr. Trump, wie sie sagt, halte ihn aber im Vergleich zu Mrs. Clinton für das kleinere Übel.

Und genau da liegt, meiner Meinung nach das Problem. Viele Wähler wollten gar nicht direkt für Trump, aber ganz sicher gegen Clinton stimmen – koste es, was es wolle. Es gibt sie, die wahren Trump Fans, die einen Sündenbock für ihre Misere benötigen und den von Trump geliefert bekamen: Minderheiten, Immigranten, Andersgläubige… Diese hauptsächlich weissen, ungebildeten Männer, haben Trump gewählt, weil sie tatsächlich an ihn und sein vereinfachtes Weltbild glauben. Sie allein hätten ihn aber niemals zum Präsidenten machen können. Dazu war die Hilfe der Mittelschicht nötig, die Hilfe derer, die zwar nicht offen rassistisch sind und sich selbst wahrscheinlich für tolerant halten, aber in Hillary Clinton das Symbol der politischen Kaste sehen, die jede Verbindung zum Volk verloren hat.

Die Demokraten haben sich das selbst eingebrockt, in dem sie nicht den Mut gezeigt haben, den einzig wirklich progressiven Kandidaten, jemanden der nachweislich die Verbindung zum Volk nie verloren hat, ins Rennen zu schicken. Das wäre Bernie Sanders gewesen…

Die Nacht war lang und den Tag haben wir hauptsächlich in Schockstarre verbracht. Lasst uns erst mal verdauen, was passiert ist und morgen darüber nachdenken, was Herr Trump wohl für ein Präsident sein wird.

Stephen Colbert hat meinen Gemütszustand gestern Nacht am besten wiedergegeben:

Comments · 2

  1. „…niemand hat das kommen sehen…“ ist schlichtweg falsch!!! – Entschuldigung für die deutlichen Worte, aber in der Tat ist es wohl erher so: Jeder Mensch sieht nur, was er sehen will.

    Der Nomos-Verlag hat es gestern in seiner Rund-Mail treffend formuliert: „…es ist ein Ergebnis, mit dem bis zuletzt selbst viele Amerikaner nicht gerechnet hatten: Donald Trump wird allen Umfragen zum Trotz 45. Präsident der USA. Es bleibt abzuwarten, welche Konsequenzen der Wahlsieg des konservativen Multimilliardärs für das politische Weltgeschehen und die europäischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten haben wird. Fest steht jedoch, dass der Populismus als wahrer Gewinner aus der Wahl hervorgeht.
    All denjenigen, die sich fragen, wie es zum heutigen Wahlsieg von Donald Trump kommen konnte, empfehlen wir das Werk „Protest im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Tea Party und Occupy im Vergleich“ von Dr. Charlotte Potts. Die Autorin wirft einen Blick auf die beiden größten Protestbewegungen der jüngsten US-Geschichte und zeigt auf, wie diese die politische Landschaft in den USA nachhaltig verändert und den Weg für den Aufstieg rechter und linker Populisten bereitet haben.“

    Statt also Donald Trump zu bekämpfen, sollte der immer stärker raumfassende Poulismus zurückgedrängt werden – nicht nur in der Politik.

    1. Daniela, ich gebe dir absolut Recht, der überall (weltweit) um sich greifende Populismus ist das wahre Problem. Dem kann man meiner Meinung nach, hier wie dort, nur durch Bildung und einer Presse, die wieder sachlich berichtet und diskutiert entgegenwirken.
      Und, nur um das klarzustellen, mit „niemand hat das kommen sehen..“ meinte ich zum einen die Umfrageergebnisse aller grosser Zeitungen, die haben nämlich Hillary Clinton mit relativ deutlichem Vorsprung gewinnen sehen. Andererseits aber auch die Stimmen in der Bevölkerung, die ich hier jeden Tag gehört habe. In meinem gesamten Umfeld, hatte sich vor der Wahl absolut niemand zu Trump bekannt, aber irgendwo müssen seine Wähler ja hergekommen sein und wenn man sich die Statistiken so anschaut, dann kamen die landesweit aus allen Schichten.

Lasst uns wissen, was ihr denkt!

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